Die St. Georgskirche in Kleinbottwar - Meister des Altars: Hans Leinberger

Ein Beitrag von Heimatpfleger Hans Dietl, Steinheim

 

Für die Entstehungsgeschichte der Kirche in Kleinbottwar war die Familie von Plieningen maßgebend. Zuvor war hier eine St. Georgskapelle als Filiale von St. Martin in Steinheim. Um 1480 kam diese Familie hier her und begann 1497 mit dem Kirchenbau mit einer Grablege für die Familie. Als der Senior der Familie, Dietrich von Plieningen d. A., 1485 starb, wurde er in der St. Martinskirche in Steinheim bestattet. Das schöne Grabmal ist dort noch erhalten. Bis 1499 war die christliche Zugehörigkeit der Bewohner in Unter- oder Niedern-Bottwar durch den Wehrbach getrennt, nördlich zu (Groß-) Bottwar und südlich zu Steinheim. Von der Familie wurde 1499 die kirchliche Selbständigkeit, d. h. die Lösung von Bottwar und Steinheim zur eigenen Kirchengemeinde erreicht, die im Jahre 1500 die St. Georgskirche fertig stellte. Auch an wertvoller Ausstattung war der Familie gelegen. Herrliche Buntglasfenster gehörten ebenso dazu wie die Gruft und ein Flügelaltar. Doch dieser war zu jenem Zeitpunkt noch nicht da. Immer wieder staunen Besucher der Kirche über so einen schönen Altar in einer so kleinen Gemeinde. Über den Altar ist schon viel geschrieben und noch mehr gerätselt worden. In der Dissertation von Luise Böhling 1932 werden die Flügelaltäre von Wimpfen und Kleinbottwar (obwohl signiert) als am wenigsten erforschte, was die Herstellung oder den Einfluss erklären könnte, beschrieben. Eigentlich gotisch, enthält der Kleinbottwarer Altar doch einige Renaissance-Elemente.
In den letzten Monaten hatte die Kirche hohen Besuch und anschließend hatte Pfarrer Hörger Schriftverkehr mit Herrn Prof. Dr. Heinz Dollinger aus Gräfelfing. Er lehrte neuere Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Und nun erhält die Kirchengemeinde Kleinbottwar und der Verfasser am 26. August 2006 ein Druckwerk mit Brief, das staunen lässt. Der Titel: Hans Leinberger und die Familie von Plieningen - Hans Leinbergers Kleinbottwarer Altar von 1505 !!
Herr Prof. Dollinger hat sich sehr mit der Familie von Plieningen beschäftigt und stellt fest, dass Dr. Johannes von Plieningen einen unehelichen Sohn hatte mit dem bürgerlichen Namen Hans Leinberger. Dieser ist wohl in Augsburg aufgewachsen (die Universitäts-Matrikel bezeichnet ihn als „de Augusta“); 1487 begann er mit (errechneten) 14 Jahren an der Universität Ingolstadt Philosophie und Theologie zu studieren, lernte dann in Ulm (wahrscheinlich bei Gregor Erhart) das Bildschnitzer-Handwerk, und gestaltete als sein wohl erstes größeres Werk 1505 den Flügelaltar in Kleinbottwar. Die Gemälde dieses Altars (Predella, Rückwand, Außenseiten der Flügel) stammen von Hans Wertinger, einem in Landshut seit 1497 nachweisbaren Künstler (gestorben 1533), wohl auch die Stifterscheibe im nordöstlichen Chorfenster aus dem Jahre 1499, darstellend Dr. Dietrich von Plieningen und seine Frau Anna von Memmersweiler, und das gläserne Epitaph von 1506/07 (dieses, wie naheliegt, nach einem Riss von Leinberger) für den im November 1506 bei Rom verstorbenen Dr. Johannes von Plieningen, auf dem ein junger Mann mitdargestellt ist, der bisher fälschlich als Eustachius von Westernach ausgegeben wurde, in Wahrheit aber des Domherrn Dr. Johannes von Plieningen leiblicher Sohn, Hans Leinberger, ist.
Herr Prof. Dollinger klärt nach Kenntnis der Zusammenhänge auch das Signum in den drei wappenartigen Schildchen über dem HI. Christophorus, der gekrönten HI. Katharina und dem HI. Otmar. Die bisherige (nicht deutbare) Lesart war J F S. Mit all den Vorkenntnissen und Zusammenhängen schlägt Herr Dollinger eine andere Lesung vor:

Die 3 wappenartigen Schildchen: J (Johannes oder Johannis) F (Filius) 5 (1505) Foto: H. Dietl

J  F  5, welche bedeutet: „Johannes [oder: Johannis] Filius 1505“; zu deutsch: „Johannes, der Sohn [oder: des Johannes Sohn] (hat den Altar gemacht) 1505“. Diese Art zu signieren weist an sich nichts Ungewöhnliches auf. Auffallend ist nur die Verteilung auf drei getrennte, aber formal doch einander zugeordnete Schildchen und ihre Anbringung hoch oben im Gesprenge. Letzteres ist spektakulär und hat wohl mit der familiären Sonderstellung des Künstlers hier in der Kirche von Kleinbottwar zu tun. Gemeint ist die Anfertigung des Altars durch Hans Leinberger als Sohn des Johannes von Plieningen im Jahre 1505.

Hans Leinberger stellt sich selbst auch noch figürlich im Geburtsrelief des Schreins als Fenstergucker dar.
Auch das Kruzifix ist von Hans Leinberger.
Noch einmal ist er dargestellt: In einem Buntglasfenster im nordöstlichen Chorfenster (heute Kopie).
Das Original befindet sich im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg mit dem Signum MM 110.

Es stellt dar: den Vater Johannes von Plieningen, kniend, mit dem Plieningerwappen - dem schwarzen Pferdekopf - und hinter ihm sein Sohn Hans  Leinberger, mit einem sonst nicht vorkommenden, wohl für diesen konkreten Anlass erfundenen Wappen (nach [heraldisch] links springender goldener Fuchs oder Hund auf tiefblauem Grund). Später führte Leinberger in seinem Siegel ein anderes Wappen. Die Epitaphscheibe kann erst nach dem Tode Johannes von Plieningens (November 1506) entstanden sein; sie setzt das Vorhandensein des hohen Altars mit dem auferstandenen Schmerzensmann im Gesprenge bereits voraus. Der Text zum Epitaph lautet:

johannes de plieningen utriusque doctor canonicuswormatiensis et praepositus mospachiensis

Zu deutsch:
Johannes von Plieningen, beider Doktor, Domherr zu Worms und Propst zu Mosbach.

Hans Leinberger hatte, als er den Kleinbottwarer Altar schuf, Wohnsitz und Werkstatt anderswo, vielleicht (wir wissen es nicht genau) in Augsburg; erst später (nachweisbar ab 1510) lebte und wirkte er in Landshut. Er schuf damit wohl sein erstes größeres Werk. Mit der Herstellung seines Hauptwerkes, des Altars in Moosburg an der Isar, mit über 14 Metern ein gewaltiges Werk, ging er in die Literatur ein, aber als Bastard wurde er in keine Zunft aufgenommen und konnte keine öffentlichen Ämter bekleiden. Er war vermutlich Freimeister (mit gewissen Verbindungen zum herzoglichen Hof). Hans Leinberger war verheiratet, hatte einen Sohn oder Stiefsohn, arbeitete mit wenigen Gehilfen und scheint ein „fleißiger, schneller Arbeiter“ gewesen zu sein. Er starb nach 1530 in Landshut.