Der Hochaltar in der Georgskirche

Gesamtansicht des Hochaltars in der Georgskirche

Der Hochaltar in der Georgskirche mit seinen lebendigen Figuren, Reliefs und Tafelbildern stellt eine Kostbarkeit dar und gehört zu den wenigen spätgotischen Altaraufsätzen, die in ihrer alten Umgebung geblieben sind.

In der Zeit um 1500 stifteten die Gebrüder von Plieningen den reich verzierten Flügelaltar, der bereits Züge der Renaissance erkennen lässt. Tiefgreifende Wandlungen bestimmten die Wende nom Mittelalter zur Neuzeit. Die Hoffnung auf eine Erneuerung des Glaubens war eng verbunden mit einer Hoffnung auf die Lösung sozialer Probleme. So zeigt der Altar in besonderer Weise die Heilsgeschichte aber auch geistliche und politische Verantwortung und die Geschichte der Stifter selbst. Ihr vom Humanismus geprägtes Grundanliegen kommt in diesem Kunstwerk zum Ausdruck: Die Erneuerung des Abendlandes, geschöpft aus dem Willen Gottes.

 

Jahrhunderte lang rätselten die Kunsthistoriker, wer diesen herrlichen Altar geschaffen haben könnte. Mal wurde er der Ulmer Schule zugerechnet, mal glaubte man seinen Ursprung in der Kurpfalz. Auch die Vermutung, es könnte sich um den Heilbronner Bildhauer Meister Michel Lang handeln, der ein Doppelepitaph für die Kirche gefertigt hat und dem die Herren von Plieningen Schutz während des Bauernkrieges gewährten, konnte bisher nicht bewiesen werden.

 

Die Altarkomposition in ihrer abstrakt-symbolischen Dialektik zeugt von einem gebildeten Künstler mit ungewöhnlich theologischem Tiefgang und Scharfsinn. Der Meister des Altars hat offenbar selbständig die Heilsgeschichte reflektiert und durchdacht: Sie ist als eine von unten nach oben aufsteigende Vertikale konzipiert. Von der Predella (mit der Sippe Jesu) über das Geburts-Relief hin zur Mutter mit Kind geht die Linie zum Schmerzensmann im Gesprenge, der bereits der Auferstandene ist und wohl auch schon als der künftige gnädige Weltenrichter gemeint ist.

 

Prof. Dr. Dollinger, ehemaliger Dozent der Universität Münster, hat nach umfangreichen Recherchen das Geheimnis gelüftet. Nach seinen Erkenntnissen, die allerdings noch nicht allgemeine Anerkennung gefunden haben, handelt es sich um das Erstlingswerk des Altarschnitzers Hans Leinberger im Jahr 1505, Hans Wertinger  hat es mit seiner Malkunst vollendet. Mehr dazu finden Sie auf den Seiten "Beitrag von Heimatpfleger H. Dietl" und Interview mit Prof. Dr. Heinz Dollinger".

 

Mittelschrein

Mittelschrein

Dem Menschen jener Zeit war Gott immer gegenwärtig. Beim Anblick einer Heiligenfigur empfand der Christ die unmittelbare Nähe Gottes. Seit dem 14.Jahrhundert spielen vor allem die 14 Nothelfer eine Rolle. Die Heiligen Georg, Ägidius, Christophorus, Barbara, Margarethe, Katharina, die sowohl im Altar als auch zum Teil auf den Glasgemälden dargestellt sind, gehören zu ihnen. Sie wurden als Helfer in sozialen, gesundheitlichen und umweltbedingten Nöten angerufen. Der persönliche Namenspatron war dabei von besonderer Bedeutung. Ihre Darstellung, mit Maria in der Mitte findet sich häufig in der sakralen Kunst jener Zeitepoche. So auch im Marienaltar der Georgskirche.

Die Hauptfiguren

Georg, Maria mit dem Kind, Ägidius

Die Figuren im Mittelschrein sind im Vollrelief gearbeitet.

Die mittlere der drei Hauptfiguren stellt erhöht Maria mit dem Kinde dar. Auf die damals beliebte Darstellung der Maria in einer gewissen Flammenbewegung wird hier verzichtet. Sie steht still, in freundlicher Ruhe, der Welt den Sohn Gottes schenkend.

 

Zu ihrer (heraldisch) Rechten tötet St. Georg den Drachen. Nach der Überlieferung war er ein Römischer Offizier, der als christlicher Märtyrer im frühen 4. Jahrhundert enthauptet wurde. Ein Überlieferungszweig versteht ihn als Drachenkämpfer.

Er ist in zeitgenössischer Rüstung dargestellt und mit dem Wappen derer von Plieningen versehen. Diesem Ritterheiligen waren die Stifter (Dr. Dietrich wurde zum Ritter geschlagen) eng verbunden, nach ihm ist auch die Kirche benannt.

 

Zur (heraldisch) Linken Mariens steht St. Ägidius, der zu Lebzeiten nach längerer Einsiedelei Abt des Klosters Saint Gilles in der Provence wurde. In der Einsamkeit hatte ihn eine Hirschkuh ernährt, die vom Pfeil eines Jägers getroffen bei ihm Schutz suchte. Ägidius trägt die Mönchskutte und hält den Abtstab zum Zeichen des geistlichen Hirten.

Die Heilige Familie

Geburtsszene mit "Fenstergucker"

Im Sockel der Marienstatue ist die Geburt Jesu dargestellt. Durch das Stallfenster schauen zwei Hirten. Schon lange wird vermutet, dass sich in diesen beiden Gestalten die Bildschnitzer versteckt haben.

Prof. Dr. Dollinger sieht in dem jüngeren, geradeaus blickenden den illegitimen Sohn des Johannes von Plieningen und Meister des Altars Hans Leinberger.

 

Unter dem kleinen Dreiecksfenster befindet sich ein Steinmetzzeichen, von dem bisher vermutet wurde, es könnte die Signatur des Bildschnitzers sein. Prof. Dr. Dollinger sieht darin eher das Zeichen des Baumeisters der Kirche um diese mit der im Bild dargestellten Herberge von Bethlehem in Beziehung zu setzen. 

Die Seitenflügel

Linker Seitenflügel des Altars

Die Seitenflügel sind im Halbrelief gearbeitet.

 

Die Flügelreliefs zeigen die Hinrichtungen der beiden weiblichen Lieblingsheiligen jener Zeit. Die Gestalten sind auch hier in zeitgenössischer Gewandung dargestellt, vielleicht um den Bildern einen packenden, wirklichkeitserfüllten Ausdruck zu verleihen.

 

 

Auf dem (vom Betrachter aus) linken Seitenflügel, neben Georg, ist das Martyrium der Heiligen Barbara dargestellt. Nach der Legende war sie die schöne und besonders kluge Tochter eines türkischen Königs, der ihr nicht verzeihen konnte, dass sie Christin wurde. Er ließ sie in einen Turm sperren. Sie wurde grausam gefoltert und letztendlich vom eigenen Vater mit dem Schwert getötet.

Rechter Seitenflügel des Altars

 

Auf dem (vom Betrachter aus gesehen) rechten Seitenflügel ist das Martyrium der Heiligen Katharina dargestellt.

Ein Landsknecht lässt ein übergroßes Schwert auf die Patronin der Wissenschaften stürzen. Kernstück der griechischen Urfassung der Katharina-Legende ist das Martyrium unter Kaiser Maxentius im Anschluss an einen theologischen Disput. Da das Rad zerbrach, auf dem sie gerädert werden sollte, wurde sie mit dem Schwert enthauptet. Mit dieser Darstellung verbindet sich möglicherweise eine Kritik der humanistisch gebildeten Stifter an einer Kirche, die über Jahrhunderte die Wissenschaft verfolgt hat.

 

 

Der Meister hat als Vorlage für die Seitenflügel zwei Holzschnitte von Albrecht Dürer benützt.

Die Predella

Sippenbild

In der Predella ist in einer von Astwerksäulchen begrenzten Nische in einem Hochrelief die Familie Jesu abgebildet.
Das Sippenbild zeigt in der Mitte das Knäblein zwischen Maria und ihrer Mutter Anna. Joseph und Joachim, der Mann der Anna, stehen im Hintergrund. Das heilige Thema wird in ein bürgerliches Familienbild übersetzt, wozu die zeitgenössische Gewandung beiträgt. Die Erweiterung des Motivs der Heiligen Familie um Joachim und Anna ist wahrscheinlich auf Anna von Memmerswiler (Anna als ihre Namenspatronin) zurückzuführen.

Die Stiftergemälde

 

 

Die seitlichen Flächen der Predella sind als Tafelbilder bemalt. Sie zeigen zwei knieend anbetende Stifter-Ehepaare in tiefräumlichen Landschaften.

 

 

Auf der linken Seite, unter dem Heiligen Georg kniet Ritter Dietrich der Jüngere, Doktor der Rechte, pfälzischer Rat und Kammergerichtsassessor in goldenen Sporen und goldener Rüstung mit seiner ersten Frau Anna von Memmerswiler.

 

 

 

 

 

Unter Ägidius kniet Eitelhans von Plieningen, Obervogt zu Marbach mit seiner zweiten Frau Eleonore von Waldenburg. 

Gesprenge

Die drei Figuren im Gesprenge

In der Mitte der sich wiederholenden Dreieranordnung der Figuren ist Maria wiederum erhöht (oder ist es die heilige, gekrönte Katharina? Die Kunsthistoriker sind sich hier nicht einig). Diesmal trägt sie in der rechten Hand ein Schwert.

Maria ist umgeben von Christopherus und einer Figur, die nicht eindeutig zu identifizieren ist. Wahrscheinlich handelt es sich um den heiligen Otmar, den Patron der Weinberge.

 

 

Das Gesprenge schließt mit dem Schmerzensmann, der Symbolfigur des Sieges über das Leiden.

Die oberste Filiale neigt sich, als käme eine göttliche Antwort auf die Erde zurück, die im Kampfe stärkt und tröstet.

 

Der geschlossene Altar

geschlossener Altar. Durch Klick auf das Bild erreichen Sie eine Vergrößerung.

Im geschlossenen Zustand sieht man den Altarschrein während der Gottesdienste nur an Karfreitag. Dann sind auf beiden Flügeln je zwei getrennte figürliche Szenen übereinander zu sehen. Es sind die Martyriumsszenarien des heiligen Georg. Georg stammte aus Kappadokien und war ein hochgestellter Kriegsmann unter dem römischen Kaiser Diokletian, der ein besonderer Christenhasser war. Dieser ließ Georg, weil er sich zum Christentum bekehrte und bekannte grausam martern und enthaupten. In den bisher vorliegenden Beschreibungen des Altars wurden die Bilder (vom Beschauer aus) von links oben nach rechts unten betrachtet.
Jonathan Hörger ist bei seinen Recherchen zu den Martyrien des Georg auf die „Legenda aurea“, eine Legendensammlung von Heiligen aus dem Mittelalter von Jacobus de Voragine (1230-1298), gestoßen.
Dabei stellte er fest, dass die überlieferte Legende deutlich macht, dass die Bilder des Kleinbottwarer Altars in folgender Reihenfolge zu sehen sind: Rechts oben / links oben / links unten / rechts unten.

RECHTS OBEN: Der Heilige Georg hängt an einem Pfahl oder an einem Holzgerüst, ein Peiniger brennt ihm mit einer Fackel in die Seite, ein anderer reißt ihm die Brust mit einen eisernen Haken auf. Die Legende erzählt, dass Georg entsetzt war, dass so viele Christen in der Zeit der Christenverfolgung unter Diokletian und Maximianus untreu wurden und den Götzen opferten. Georg kritisierte das öffentlich und sagte: „Alle Heidengötter sind böse Geister, unser Herr aber hat die Himmel erschaffen.“ Ein Richter ließ ihn deshalb foltern. Alle noch so schlimmen Folterungen konnte Georg wegen seines starken Vertrauens zu Gott schadlos überstehen.

LINKS OBEN: In dieser Szene betet Georg vor den heidnischen Göttern. Der Götze, den er anbeten soll, stürzt von der Säule herab, die Götzenanbeter fallen tot um.

Bei Voragine erfahren wir folgendes: Als der Richter Diacianus erkannte, dass die Folterungen Georg nichts anhaben konnten, wollte er es mit Freundlichkeit versuchen und verlangte von Georg, dass er den Götter opfere. Er sagte zu ihm: „Lass deinen Irrglauben und opfere unsern Göttern, so wirst du von uns und ihnen große Ehre empfangen.“ Georg ging zum Schein darauf ein. Die ganze Stadt war dabei, als nun Georg niederkniete und Gott bat, „dass er den Tempel mit den Bildern zerstöre zu seinem Lob und zu einer Bekehrung des Volkes, und nichts davon bleibe. Alsbald fiel Feuer vom Himmel herab und verbrannte den Tempel mitsamt den Priestern und Götzenbildern, und die Erde tat sich auf und verschlang die Trümmer.“

LINKS UNTEN: Georg, der an ein Pferd angebunden ist, wird zu der Richtstätte geschleppt.

Durch diese Ereignisse bei der Götzenanbetung fand die Frau des Königs, Alexandria, zum Glauben, weshalb sie den Märtyrertod sterben musste. Für Georg hatte dies auch Folgen. Bei Voragine heißt es: „Am andern Tage ward über Georg ein Urteil gegeben, dass er durch die ganze Stadt sollte geschleift und darnach enthauptet werden.“

RECHTS UNTEN: Georg erwartet den Todesstreich, den ihm der hinter ihm stehende Henker mit dem Schwert versetzen wird. Kaiser Diokletian, der auf allen vier Bildern dargestellt ist, scheint ihm zum Widerruf zuzusprechen.

Bei Voragine ist zu lesen: „Da betete Georg zum Herrn, dass alle, die seine Hilfe anrufen würden, ihrer Bitte möchten gewährt sein. Und eine Stimme vom Himmel sprach "Es geschehe, wie du begehrt hast". Als er das Gebet vollbracht hatte, ward er enthauptet, und ward seine Marter erfüllt, unter Diocletianus und Maximianus, welche zur Herrschaft kamen um das Jahr 217.“

 

Nach neuen Erkenntnissen ist der Altarmaler Hans Wertinger.

 

Auf der Rückseite des Altars ist das "Schweißtuch der Veronika" mit den Aposteln Paulus und Petrus dargestellt.

 

Chorraum mit Kreuzgewölbe und Altar der St. Georgskirche zu Kleinbottwar